Predigt 1. Weihnachtsfeiertag


Predigt 1. Weihnachtsfeiertag 2020

(Joh 1, 1-18)

In wenigen Stunden ist es soweit, endlich: „Der Impfstoff, der Retter ist da!“ Diese Bilder werden in den folgenden Tagen die Schlagzeilen bestimmen: Der erste Mensch, der nun auch in Deutschland mit dem Impfstoff gegen Corona behandelt wird – fast wie der erste Mensch auf dem Mond; das bleibt im Gedächtnis der Menschen. Im Blitzlichtgewitter der Presse werden dann zu Recht aber auch diejenigen stehen, die dieses Serum verabreichen und die an dessen Entwicklung mitgewirkt haben: Ärzte, Mediziner, Forscher, die in weißer Kleidung auftreten, ganz wie es diesem Berufsstand entspricht. Ehrfurchtsvoll nennen wir diese ja auch oft „Götter in Weiß“. „Götter“, weil wir von diesen Experten Außergewöhnliches erwarten. „Götter“, weil wir diesen Medizinern Übermenschliches zutrauen, etwas, was wir uns selbst nicht verabreichen können; etwas, von dem wir Rettung erwarten, Leben und Gesundheit. Dass man solche existentiellen Wünsche besonders in Notzeiten, in denen man sich hilflos vorkommt, mit der Allmacht von Göttern oder von Gott in Verbindung bringt, ist so alt wie die Menschheit selbst. Seit jeher versucht daher der Mensch, sich mit dem mächtigen Gott gut zu stellen, so dass dieser gut zum Menschen ist. Seit jeher versucht der Mensch somit auch, in Gottes Nähe zu kommen. Aber wie kann das gelingen? Sicherlich nicht dadurch, indem sich der Mensch zu Gott begibt; denn dieser wohnt nach uralter Vorstellung auf unzugänglichen Berggipfeln oder versteckt sich hinter Wolken. Also lässt der Mensch Gott zu sich herabsteigen, indem er ihn dazu einlädt. Hierzu werden den Göttern prächtige Tempel oder Statuen gewidmet.

Was wir an Weihnachten feiern, die Herabkunft des Sohnes Gottes auf die Erde, ist allerdings etwas ganz anderes! Der ewige Sohn kam nicht, weil wir ihn dazu eingeladen hätten, weil wir ihm ein Heiligtum errichtet oder Brandopfer dargebracht hätten. Der ewige Sohn kommt auf die Erde, weil es Gottes Wille ist. Ein Wille nach dem Heilsplan Gottes, der älter ist als die Menschheit; ein Plan, der vor aller Zeit schon bei Gott war, wie wir im Prolog, dem Vorwort des Johannes-Evangeliums, gehört haben. Gott kommt aber nicht zur Erde als ein Besucher, der sich bald wieder verabschiedet, sondern er kommt und wohnt unter uns als Mensch. Nicht als ein Mensch, der wie ein Stein vom Himmel fällt oder den man entdeckt wie ein Findelkind, über dessen Herkunft man nichts weiß: Gott wird geboren wie wir alle: von einer Frau. Und diese einmalige Geburt ist angekündigt durch den Engel des Herrn. Von der Spur dieser Geburt, von seiner Herkunft aus der Ewigkeit berichtet ebenfalls der Prolog des Evangeliums.

Dieses Kommen Gottes auf die Erde als Menschensohn, also in Fleischesgestalt, ist kein Mythos, kein Wunschdenken – es ist ein Geschenk Gottes an uns und ein Wunder; ein Geheimnis, das wir nicht lüften können. Der ewige Sohn kommt nicht zum Zeitvertreib und schon gar nicht, um Schabernack mit uns zu treiben, wie es bei den Göttern der antiken Mythologie oft der Fall war: Der Sohn Gottes kommt, um uns zu retten; denn er liebt uns, seine Geschöpfe, wir sind ihm nicht egal. Deshalb wird er, der Schöpfer, selbst Teil seiner Schöpfung. Im Tagesgebet von Weihnachten werden wir daran erinnert: „Gott, du hast uns Menschen in unserer Würde wunderbar erschaffen – und noch wunderbarer wiederhergestellt.“

Indem Gott in seinem Sohn Teil der eigenen Schöpfung wird, indem er in sein Eigentum kommt, handelt Gott als Retter nicht aus der Ferne, von der Ewigkeit her – er begibt sich „vor Ort“, er geht an die Basis, die er retten will. Dort, in seinem Eigentum, wird das Wort Gottes Fleisch. Gott belässt es also nicht bei seinem Wort, das schon immer war, Gott begibt sich in die Endlichkeit von Raum und Zeit und nimmt unsere Gestalt an. In Jesus Christus können wir Gott dadurch mit all unseren Sinnen wahrnehmen: mit Augen und Ohren, wir können ihn mit den Händen greifen und mit dem Herzen erfassen. Wo wäre das besser möglich, als vor einer Krippe?

Eine Krippe wirkt oft romantisch, sie ist liebevoll gestaltet und geschmückt; das Jesuskind soll schließlich weich und warm liegen, soll es schön bei uns haben! Das Evangelium spricht da allerdings eine andere Sprache, der Prolog wird realistischer: Obwohl der Sohn in sein Eigentum, in seine Heimat kam, nahmen ihn die Seinen nicht auf. Dennoch ist der Sohn Gottes mutig zu diesem Schritt bereit; Gottes Plan mit der Menschwerdung seines Sohnes wird nicht verworfen: Er kommt herunter von der Herrlichkeit Gottes zu uns – aber nicht in einen prächtigen Tempel, sondern in einen Futtertrog, der auf manchen alten Bildern wie ein steinerner Sarkophag anmutet; ein Hinweis auf die Ablehnung in seinem Eigentum; ein Hinweis auf das Lebensende dieses Neugeborenen am Kreuz. Herunter vom Himmelssaal ins menschliche Jammertal; hinein in die Gosse, ins letzte Loch, hinein ins Elend von uns Menschen!

In der Idylle einer schön gestalteten Krippenlandschaft wird uns diese Veränderung, die der Sohn für uns auf sich nimmt, oft gar nicht bewusst. Und wenn dann nach einigen Tagen oder Wochen die Krippe wieder abgebaut und für das nächste Jahr eingepackt wird, dann ist Weihnachten und der Sinn dieser göttlichen Geburt für uns längst vorbei und abgehakt. Der Sohn Gottes hat seine himmlische Heimat aber verlassen, um an unserer Seite zu bleiben, um uns durch das Leben zu begleiten – denn wir sind sein Eigentum, wir sind ihm nicht egal. Wir sollten daher nicht zu denjenigen gehören, die das fleischgewordene Wort nicht aufnehmen oder es nach kurzer Zeit wieder einpacken und wegschicken.

 

In wenigen Stunden ist es soweit: Der Corona-Impfstoff steht zur Verfügung. Um diese tödliche Pandemie zu besiegen reicht es aber nicht, nur um diesen Impfstoff zu wissen – er muss verabreicht werden; und vermutlich nicht nur einmal im Leben, sondern regelmäßig. Dennoch gibt es nicht wenige Menschen, die diese Impfung skeptisch ablehnen, die lieber das Risiko eingehen, sich nicht impfen zu lassen, denn eine Impfpflicht gibt es ja nicht. Ganz ähnlich ist es mit dem Kommen des Sohnes Gottes in unsere Welt: Ihm zu begegnen ist ein Angebot, keine Pflicht. Denn es ist eine Begegnung aus Liebe und Liebe kann man nicht verordnen.

Wenn wir das Liebesangebot Gottes annehmen, dann nehmen wir Jesus Christus in uns auf, dann verspricht uns Gott, Kinder Gottes zu werden. Das hat in der Taufe begonnen. Getauft wird man nur einmal im Leben, aber wir sollen uns diesen rettenden Moment immer wieder dankbar in Erinnerung rufen, ähnlich wie man eine Impfung immer wieder auffrischen muss. An Weihnachten gelingt die Erinnerung an diese liebende Begegnung besonders gut: Das Kind in der Krippe streckt uns seine Arme ja geradezu liebend und einladend entgegen. Schließen wir Jesus Christus in unsere Arme und gedanklich auch in unser Herz. Gott können wir nie zu nah kommen, bei ihm gibt es kein Abstandhalten, kein social distancing, sondern er wartet auf eine innige Beziehung, wie wir sie aus einem Weihnachtslied kennen:

„O Kindelein, von Herzen, dich will ich lieben sehr. In Freuden und in Schmerzen, je länger mehr und mehr.“

Amen