Predigt Christmette


 
Predigt zur Christmette, 24.12.2020
(Lk2,1-14)
 
„Na, war das Christkind brav gewesen?“ Diese alberne Frage wurde uns als Kinder immer wieder gestellt, wenn wir in den Weihnachtstagen ältere Menschen trafen. Eine merkwürdige Frage, weil wir wussten: Das Christkind, engelsgleich mit einer Art Nachthemdchen, das am Heilig Abend mit bunten Geschenken vom Himmel purzelt, das gibt es ja gar nicht – die Geschenke sind von unseren Eltern. Merkwürdig aber auch, weil die Frage lauten müsste: „Bist du zum Christkind brav gewesen, so dass es dir Geschenke bringt?“ Hast du dich in den Wochen vor Weihnachten korrekt verhalten, so dass du nun belohnt wirst? Ähnlich wie wir es vom Gedicht kennen, wo Knecht Ruprecht zum Christkind spricht: „Äpfel, Nuss und Mandelkern essen fromme Kinder gern. Doch für die Kinder nur, die schlechten, trifft sie auf den Teil, den rechten.“ Diese Logik wäre stimmig – Weihnachtsgeschenke, Weihnachten als Fest, weil wir brav gewesen sind. Doch diese Frage sollten wir in diesem Jahr nicht den Kindern, sondern uns allen stellen: Waren wir im November und im Advent brav genug, so dass das Christkind nun kommt und Weihnachten stattfindet? Beim Blick auf die aktuellen Corona-Zahlen müssen wir diese Frage mit „nein“ beantworten; diese Zahlen sind in den letzten Tagen und Wochen explodiert, die zweite Welle ist zu einem Tsunami geworden. Offensichtlich haben viele Bürger die Corona-Verhaltensregeln nicht ernst genug genommen oder sogar völlig ignoriert. Kein Wunder, dass das Christkind, alias Bundeskanzlerin Merkel, nun nicht brav zu uns ist und uns Weihnachten 2020 streicht oder verunmöglicht!
Zu dieser Erkenntnis, dass Weihnachten 2020 ausfällt, kommen aber nicht nur reumütige Maskenverweigerer oder reumütige Corona-Leugner, sondern die Mehrheit aller Deutschen. Gemäß der Einschätzung von Religionssoziologen glaubt nämlich nur noch eine Minderheit der Deutschen an die Menschwerdung Gottes. Und laut einer kürzlich durchgeführten Studie hoffen lediglich 17 % der Bundesbürger, dass sie zu Corona-Zeiten an Weihnachten einen Gottesdienst besuchen können. Weihnachten spielt sich bei den meisten also auf Weihnachtsmärkten ab, die in diesem Jahr verboten wurden. Zum Weihnachtsfest gehören festliches Essen, Ausgelassenheit, reichlich Alkohol und viele Geschenke. Die Krippe ist höchstens noch eine stimmungsvolle Dekoration, soweit sie nicht längst Weihnachtsmännern, Elchen oder Nussknackern das Feld räumen musste. Auch bei der Verschärfung des Lockdowns war vor wenigen Tagen in den Stellungnahmen der Politiker nie von Religion oder gar von Jesus Christus die Rede; Weihnachten, bei vielen oft nur noch „X-mas“ genannt, war lediglich das „Fest der Familie“, das „Fest der Liebe“, das „Fest des Friedens“. Das sind gewiss Werte und Begriffe, die auch von uns Christen hochzuhalten sind; aber was ist das für eine Liebe, was ist das für ein Frieden, der sich auf ein oder zwei Tage im Dezember reduzieren lässt? Was wäre das für eine Familie, die nur funktioniert, wenn man an Weihnachten gemütlich beisammensitzt, plauscht, feiert und Geschenke austauscht? 
Was Familie, Liebe und Frieden im Ursprung bedeuten können, haben wir im Evangelium gehört, wo wir der Heiligen Familie begegnen. Das Kind, das Maria und Josef erwarten, hat deren ursprüngliche Pläne völlig über den Haufen geworfen. Dennoch nehmen die beiden diesen Auftrag Gottes an, weil sie Gott vertrauen. Wenn der Sohn Gottes nun Teil ihres Alltags wird, dann steht ihr Leben und ihre Familie unter einem guten Stern; dann ist Gott der Anker, das Fundament ihrer Familie. Die Heilige Familie nimmt dann auch keinen Anstoß, dass die mit diesem Auftrag verbundene Herbergssuche scheitert, dass man in einem erbärmlichen Stall landet und wenig später nach Ägypten fliehen muss. Gott wird leibhaftig Teil ihrer Familie – welch ein Geschenk!
Maria und Josef spüren die Liebe Gottes, die von der Krippe ausgeht. Diese Liebe kreist nicht um sich selbst, sondern ist Hingabe, Verschenken an andere. Diese Liebe ist keine Romantik, kein süßes Schwelgen, sondern harte Realität, die sich in einen Futtertrog legen lässt. Vielleicht ist dieser harte Trog ja ein Symbol für unsere harten Herzen, in die Gott einziehen will, damit wir weich werden; damit wir uns von seiner Liebe, die bis zum Kreuz geht, anstecken lassen und selbst zu Liebenden werden. Indem Jesus Christus, der Friedenskönig, als wehrloses Kind geboren wird und nicht unter militärischem Schutz einzieht, wird deutlich, was der Friede Gottes bedeutet: Es ist kein Friede, der dem Verlierer diktiert wird; es ist mehr als ein Schweigen der Waffen auf beiden Seiten der Front: Es ist das Verschwinden der Frontlinie, des Trennenden; es ist Versöhnung, die von Herzen kommt und aus Liebe getragen wird. Dieser Friede wird den Hirten verkündet. Das Evangelium führt uns zu ihnen hinaus aufs Feld. Die Hirten sind wach und aufnahmebereit für das Wort der Engel. Diese rauen Gesellen sind keine Menschen der Logik, der Vernunft; es sind Menschen des Herzens. Im Herzen sind sie ansprechbar für Unerwartetes, für Ereignisse, die man nicht beweisen, sondern nur glauben kann. Sofort machen sie sich auf den Weg zum Kind und sind die Ersten, die es anbetend verehren.
Ich könnte mir vorstellen, dass die Hirten dennoch überrascht waren, als sie in Betlehem eintrafen. Den schon seit Jahrhunderten erwarteten Messias hatte man sich anders vorgestellt! Statt einer feierlichen Inthronisation beizuwohnen, stehen die Hirten dort vor einer armseligen Krippe mit armen Menschen. Der Sohn Gottes hat tatsächlich den Himmelssaal verlassen, all seine Pracht und Herrlichkeit abgelegt und sich in eine zerbrechliche, verwundete Welt begeben. Er kommt, um das Verwundete zu heilen und das Zerbrechliche und Schwache zu stärken. Gott lässt sich bei seiner Menschwerdung auf eine gefährliche Umgebung ein. Und dennoch steht sein Kommen nicht unter Vorbehalt; er kommt nicht probeweise, er ist da und er bleibt da, mit Haut und Haar. 
Das Kommen Gottes ist nicht einfach ein Zeichen von Solidarität mit uns; der Sohn Gottes wird einer von uns, um uns zu heilen, zu retten. Nicht dadurch, dass er vom Himmel das Paradies mitgebracht hätte und uns erklärt, wie wir uns auf Erden paradiesisch einrichten sollten. Der ewige Sohn lenkt bei seinem Kommen unseren Blick auf den Ort hin, den er durch seine Menschwerdung verlassen hat. Er stieg herab zu uns, damit wir einmal mit ihm hinaufsteigen können. Gott wurde Mensch, damit wir Menschen einmal vergöttlicht werden, damit wir wieder zu dem werden, was wir eigentlich sind: zum Abbild Gottes. Darauf hoffen wir. Die Feier der Geburt Jesu ist also nicht nur ein Blick zurück in die Heilsgeschichte, Weihnachten ist auch ein Blick in die Zukunft, in unsere Zukunft, die wir bei Gott haben.
Diese Zukunft können wir in der Krippe greifen; sie hat dort unsere Gestalt angenommen. Diese Zukunft und die Freude darüber kann uns nicht genommen werden. Sie ist auch das entscheidende Geschenk, um das es an Weihnachten geht, egal, ob das Christkind nun brav zu uns gewesen ist und wir viele hübsche Geschenke auspacken dürfen. Das Fest der Geburt Christi lädt uns ein, zusammen mit den Hirten nach Betlehem zu gehen und uns mit dem göttlichen Kind zu verbinden. Dann findet Weihnachten statt – nicht, weil es im Kalender steht, sondern weil es in erster Linie in uns stattfindet, weil der Herr dann in uns geboren wird.
Amen