Evangelium und Predigt zum 2. Sonntag nach Weihnachten (3. Januar 2021)


 

2. Sonntag nach Weihnachten (3. Januar 2021)

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes

 

1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. 2 Dieses war im Anfang bei Gott. 3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. 4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst. 9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind. 14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

 

Predigt:

Wenn ich richtig gezählt habe, dann kommt die Bezeichnung „Wort“ im heutigen Evangelium sechsmal vor. Diese Häufigkeit drückt schon aus, wie wichtig ein Wort für uns Menschen ist. Mit Wörtern verständigen wir uns, mit Wörtern gestalten wir den Alltag. Die Bedeutung von Sprache wird uns spätestens dann bewusst, wenn wir wegen einer Heiserkeit keine Wörter mehr hervorbringen können, wenn uns die Stimme verschlägt oder wenn man im Alter manchmal nicht mehr in der Lage ist, die Wörter eines Gesprächs akustisch aufzunehmen. Mit Wörtern kann man Beziehungen aufbauen; wenn man jemandem ein „gutes Wort“ schenkt, ist das sehr hilfreich: Es kann aufbauen, ermutigen, Rat geben, trösten, anspornen. Wörter können aber umgekehrt auch verletzen, zerstören, anklagen.

Das Wort, von dem im Prolog, dem Vorwort des Johannes-Evangeliums, die Rede ist, dieses Wort, das schon immer war, das Wort, das Gott selbst ist, ist allerdings mehr als ein akustisches Phänomen, mehr als eine Verständigung und mehr als eine Lebenshilfe: In diesem Wort ist das Leben selbst. Dieses Wort will ein Leben ermöglichen, das mehr ist als ein über-die-Runden-Kommen, mehr als ein Dahinleben. Dieses Wort will für ein erfülltes Dasein sorgen, es möchte Sinn stiften und zu einem Ziel führen. Eigentlich ist das Wort selbst schon das Ziel und die Erfüllung des Lebens – denn es ist Gott, es ist der Sohn, der schon vor aller Zeit war.

Dieses Wort will in Beziehung mit uns treten; aber nicht nur, indem es uns anspricht, sondern indem es auf Tuchfühlung mit uns Menschen geht. Dazu ist dieses Wort, der Sohn Gottes, Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Ganz anschaulich wird diese abstrakte Aussage des Prologs im Kind in der Krippe. Obwohl es noch kein einziges Wort sprechen kann, stiftet es bereits Beziehung, was man an den Besuchern, die zur Krippe kommen, sieht. Das sind zunächst die Hirten. Ihnen muss dieses Kind, das fleischgewordene Wort, gedeutet werden. Das haben die Engel übernommen; aber nicht in komplizierter Sprache, nicht durch abstrakte Sätze, die die Hirten nicht verstanden hätten, sondern indem die Engel sie zu Gott führen, der nun auf Augenhöhe mit ihnen geht und als Kind vor ihnen liegt. Göttlichkeit kann man nicht mit menschlichen Worten erklären, aber wenn das Göttliche Menschengestalt annimmt, wird es für unsere Sinne wahrnehmbar, fassbar, greifbar.

Die Hirten begreifen dieses Wunder der Geburt Gottes in der Krippe, sie treten in Beziehung mit Gott, sie haben Gott verstanden. Nun verkünden sie freudig, was sie in Betlehem erlebt haben, wie sich der für als nicht ansehbar gehaltene Gott des jüdischen Volkes vor ihren Augen offenbart hat. Kein Wunder, dass die Hirten auf allen Abbildungen mit erfüllten Gesichtern zu sehen sind! Nicht selten sind sie auch mit Instrumenten dargestellt. Ihre Freude scheinen sie vor dem Kind zum Ausdruck zu bringen, sie stimmen ein in den Gesang der Engel. Dabei ist es unerheblich, wie gut sie gesungen oder gespielt haben, was sie dem Kind vorgetragen und was sie zu ihm gesprochen haben. Das gilt auch für uns, wenn wir in die Rolle der Hirten schlüpfen und vor diesem göttlichen Kind stehen: Was uns in der Seele brennt, was uns auf dem Herzen liegt, lässt sich oft nicht in passenden Worten zum Ausdruck bringen – aber entscheidend ist, dass es ein Gegenüber gibt, dem wir Herz und Seele ausschütten können. Das Antlitz des Kindes macht deutlich: Gott wendet uns sein Gesicht zu, er blickt uns an, er ist ansprechbar für unsere Anliegen und für unsere Worte.

In Jesus Christus erhält das ewige Wort Gottes Hand und Fuß. Hände, die segnen und heilen – auch mich. Füße, die unterwegs zu den Menschen sind – auch zu mir. In Jesus Christus zeigt uns Gott, wie viel wir ihm wert sind: Sein einziger Sohn kommt zu uns als Heiland, als Retter. Damit schenkt uns der Schöpfer einen Teil von sich selbst; die Menschwerdung des Sohnes ist also ein Herzensanliegen unseres Schöpfers. Indem der Sohn unsere Gestalt annimmt, erhält die Beziehung Gottes zu uns eine neue Dimension. Gott zeigt uns, was wir ihm bedeuten, was er für uns, was er mit seinem Sohn in uns investiert. Es wäre geradezu fahrlässig von uns, dieses fleischgewordene Wort in den Wind zu schlagen und so zu denen zu gehören, die das Wort nicht aufnehmen, wie der Prolog bedauernd feststellt.

Gott bietet uns in Jesus Christus eine nie dagewesene Beziehung an: Er wird unser Bruder und wir sind berufen, Kinder Gottes zu werden. Die Kindschaft Gottes erfolgt nicht auf biologischem Weg, durch die Kraft des Blutes – es ist eine geistliche Adoption. Und es ist kein rechtlicher Akt, sondern ein lebensstiftendes Geschenk: Ein Leben, das sich einmal bei Gott vollenden wird; ein Leben, das aber schon heute beginnt und mit Gott gestaltet werden soll. Dazu tritt der Sohn Gottes in unsere Welt. Das Wort wird zum Licht, das in der Finsternis leuchtet, das uns eine Leuchtspur setzt, der wir folgen sollen. Wäre das bewusste Gehen auf dem Weg Gottes, wäre das intensive Hören auf das Wort Gottes nicht ein wertvoller Vorsatz für das neue Jahr?