Evangelium und Predigt zum Jahreswechsel


 

Evangelium und Predigt zum Jahreswechsel 2020/2021

 

Lesung aus dem Buch Numeri:

22 Der HERR sprach zu Mose: 23 Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: 24 Der HERR segne dich und behüte dich. 25 Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig. 26 Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.


 

Aus dem Evangelium nach Lukas:

16 So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. 17 Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. 18 Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. 19 Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. 20 Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war. 21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.


 


 

Predigt:

„Same procedure als every year!“ (Gleicher Ablauf wie jedes Jahr!) Der zu einem bekannten Refrain gewordene Satz aus der beliebten Komödie „Dinner for one“ ist, wie schon seit Jahrzehnten, auch an diesem Jahreswechsel wieder im Fernsehen zu hören. Und gleichzeitig wissen wir doch alle: In diesem Jahr trifft das nicht zu! Den gleichen Jahreswechsel, same procedure als every year, gibt es diesmal nicht. Das liegt aber nicht allein an den fehlenden Feuerwerkskörpern oder den fehlenden öffentlichen Mega-Events, mit denen das alte Jahr verabschiedet und das neue begrüßt wird – das liegt vor allem an der bedrückenden Atmosphäre, die jetzt herrscht, die uns be-herrscht. Zwar gab es in der Vergangenheit sicherlich zu jedem Jahreswechsel nicht wenige Menschen, die betroffen zurückblickten auf schwere Schicksale und Verluste; die sorgenvoll und ängstlich fragten, was das neue Jahr wohl bringen wird. Doch diesmal ist die Betroffenheit, die Sorge kollektiv für die ganze Bevölkerung. Solch eine niederdrückende, pessimistische Stimmung gab es in Deutschland wohl zuletzt kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das verflossene Jahr 2020 wird als „Corona-Jahr“ in die Geschichte eingehen: Ein unsichtbares Virus, das eine immense, sichtbare Zerstörung in der Gesellschaft anrichtete. Über 30.000 Tote bisher allein in Deutschland, ökonomische und soziale Kollateralschäden, die heute noch nicht beziffert werden können. Gewiss, da ist mit dem ersehnten Impfstoff nun erstmals etwas Licht am Ende des „Corona-Tunnels“ zu sehen, aber es bleibt die bange Frage: Werde ich damit rechtzeitig versorgt und somit vor der Pandemie geschützt? Ist diese Medizin wirklich so effektiv und nachhaltig, wie behauptet? Und was macht diese Impfung in den nächsten Monaten mit den Menschen – kommt es zur befürchteten Zwei-Klassen-Gesellschaft in Geimpfte und (Noch)nichtgeimpfte; und somit zu Menschen mit und ohne Privilegien in Sachen Corona-Verordnungen? Droht sich dadurch die Bevölkerung, die die Krise während des Frühjahrs zeitweise solidarisch bewältigte und sich als vorbildlich zeigte, nun vielleicht zu spalten?

Durch diese Zukunftssorgen wird uns die Vergänglichkeit unseres Lebens an diesem Jahreswechsel wesentlich stärker bewusst als früher. An diesem Jahreswechsel spüren wir viel deutlicher als sonst, wie wertvoll die Zeit ist, die uns zur Verfügung steht – jedes Jahr, jeder Tag, den wir erleben dürfen. Dementsprechend heißt es im 90. Psalm: „Unser Leben währt 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es 80.“ Der Psalmist bedauert aber nicht die Endlichkeit des Lebens, sondern ergänzt mahnend: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Unsere Lebenszeit ist tatsächlich nicht selbstverständlich, das Leben haben wir als Geschenk Gottes zu betrachten, als eine Gabe, aus der aber auch eine Aufgabe an uns erwächst. Eine Aufgabe, ein Weg, den wir mit unserem Schöpfer bewältigen sollen. Ihn dürfen wir im Leben nicht aus den Augen verlieren, er ist und bleibt an unserer Seite, auch wenn der emotional bewegende Übergang ins neue Jahr wegen der Corona-Gefährdung diesmal leider ohne Gottesdienst und ohne sakramentale Begegnung mit dem Herrn stattfinden muss.

Der Jahreswechsel liegt in zeitlicher Nähe zum Weihnachtsfest. Das wird uns auch bewusst, wenn wir auf die Jahreszahl blicken, die sich in diesen Stunden um eine Ziffer verändert: Unsere Kalenderjahre zählen wir ab der Geburt Christi. In Betlehem trat der zeitlose Gott in unsere Zeit. Der ewige Sohn wird durch seine Geburt vor etwas mehr als 2000 Jahren einer von uns, ein Menschensohn; einer, der mit uns durch die Zeit, durch unser ganzes Leben geht. Oft ist uns diese Begleitung gar nicht bewusst, oft befinden wir uns eher in der Rolle der beiden Emmaus-Jünger, die auf ihrem beschwerlichen Weg gar nicht merken, dass sie vom auferstandenen Herrn begleitet und gestärkt werden, dass sie nicht allein unterwegs sind.

Im Evangelium des Neujahrstages hören wir vom Besuch der Hirten an der Krippe und von Maria, die nach diesem Besuch alles Geschehene in ihrem Herzen bewahrte und darüber nachdachte. Sie steht noch am Anfang ihrer Rolle als Gottesmutter, aber ihr ist durch die Ereignisse der letzten Monate und Tage jetzt schon bewusst, dass auch sie selbst eine entscheidende Rolle an der Seite dieses verheißenen Kindes spielen wird. Als gewissenhafte Mutter wird sie ihrem Kind, dem Sohn Gottes, zur Seite stehen, über alle Höhen und Tiefen seines Lebens hinweg. Maria sagt auch in diesem Moment nochmals „ja“ zu dem, was an Geschehnissen vor Jesus und somit auch vor ihr liegt, obwohl sie nicht weiß, was sie da alles erwartet. Aber eines steht für sie fest: Mit Jesus ist Gott selbst an meiner Seite, mit ihm kann ich die Herausforderungen der Zukunft meistern. Maria, die in ihrem Leben an der Seite Jesu geradezu eine „Berg- und Talfahrt“, eine Zeit mit freudigen und schmerzvollen Ereignissen bewältigte, will auch uns Begleiterin und Fürsprecherin sein für all das, was das neue Jahr an Herausforderungen mit sich bringt.

Manche Vorhaben stehen bereits in unserem neuen Terminplaner; ob sie sich alle realisieren lassen und ob wir überhaupt bis zur letzten Seite des Kalenders 2021 gelangen, das weiß allein Gott, der Herr der Zeit. Legen wir daher das alte und das neue Jahr vertrauensvoll in seine Hände: mit Dank für all das im vergangenen Jahr Gelungene und das Erfreuliche; mit der Bitte, er möge all das vollenden, was uns in den vergangenen zwölf Monaten trotz gutem Willen und Mühen nicht gelungen ist; und mit der Segensbitte für das kommende Jahr:

Allmächtiger Gott, sei du an meiner Seite und an der Seite aller, die zu mir gehören – mit deinen beschützenden, führenden, ermutigenden, stärkenden und tragenden Händen, so dass auch 2021 ein Jahr des Herrn wird!

Amen