Pfarrer Johannes Müller: Evangelium und Predigt Ostersonntag (04. April 2021)


Ostersonntag 2021, Pfarrei Heiliger Pirminius Contwig

(Joh 20,1-18)

Wenn man in die Internetsuchmaschine „Google“ den Begriff „Auferstanden“ eingibt, dann darf man auch als Christ erwarten, dass man zu Verweisen geführt wird, bei denen es sich um das österliche Geheimnis handelt, das wir in diesen Tagen feiern: die Auferstehung Jesu Christi – ganz so, wie wir es ja auch im Apostolischen Glaubensbekenntnis sprechen: „auferstanden von den Toten“. Umso überraschter war ich vor wenigen Tagen, was mir Google unter diesem Begriff anzeigte, zu welchen Links, zu welchen Vorschlägen ich geführt wurde: An erster Stelle und gleich mehrfach erschien dann nämlich: „Auferstanden aus Ruinen“ – der Beginn der Nationalhymne der DDR. Auch wenn diese Hymne in den letzten Jahren der DDR nicht mehr gesungen, sondern nur noch gespielt wurde, so nimmt der Text doch Bezug auf den Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg. Nicht nur im Osten, sondern auch im Westen Deutschlands entstanden aus Trümmern wieder Häuser und Städte, ja mehr noch: eine ganze Gesellschaft. Im Osten und im Westen durfte man zu Recht stolz sein auf diesen Wiederaufbau; die sogenannten „Trümmerfrauen“ haben da maßgeblich mitgewirkt.

Aber um welche Art von „Auferstehung“ handelt es sich hierbei eigentlich? Der Krieg ist optisch verschwunden, das Leben pulsiert wieder, das Alte und Bekannte ist wieder da, vielleicht etwas moderner, fortschrittlicher. Vergessen wir nicht, dass selbst die heute so belächelten „Plattenbauten“ bis zur Wende als Komfortwohnungen in der DDR zählten. Vom Wesen her waren alle Neubauten, in Ost und West, aber genauso vergänglich, genauso endlich wie das Vorangegangene. Wenn wir Christen an Ostern Auferstehung feiern, dann ist das allerdings keine Wiederholung des alten Lebens, das Ersetzen der Trümmer durch neue Gebäude. Auferstehung ist nicht das Gewähren einer zweiten Chance, eines zweiten irdischen Lebens, in dem man das nachholen könnte, was man im ersten Leben verpasst hat oder in dem man versucht, aus Fehlern zu lernen, um nun ein besserer, erfolgreicherer oder glücklicherer Mensch zu werden als im ersten Leben. Auferstehung von den Toten ist die Wandlung des alten Menschen in etwas ganz Neues, nie Dagewesenes; es ist ein Quantensprung hinein in die Vollendung des Menschen in eine andere Dimension, in eine neue Schöpfung.

Auferstehung, Ostern will das Alte, die vergängliche Welt aber keineswegs vergessen machen. Ostern ermutigt uns vielmehr, unser irdisches Leben schon aus der Perspektive der Vollendung, aus der Ewigkeit her zu betrachten und entsprechend zu gestalten. Ostern befreit uns nicht von den Problemen und Nöten des Alltags, von den Kreuzen, die wir zu tragen haben. Aber all das wird verwandelt in das Ewige, Göttliche. Das Alte, Sterbliche wird einmal eingetaucht in die Auferstehung, ähnlich wie der dürre Ast nach der Winterstarre nicht abgeschnitten, beseitigt wird, sondern nun zum Knospen, zum Blühen gelangt.

Als der auferstandene Jesus Christus den Jüngern begegnet, zeigt er diesen seine Wunden: Sie sind nun „verklärt“, sie schmerzen und bluten nicht mehr, weisen aber auf sein Leiden hin. Der Auferstandene zeigt mit seinen Wunden in seine Vergangenheit: Der Auferstehung geht der bittere Tod voraus. Bevor Jesus das Grab und damit den Tod überwindet, wird er gekreuzigt. Dass Erlösung vom ewigen Tod ihren Preis hat, den Jesus für uns bezahlt, machen diese Wunden, aber auch die fünf Nägel an der Osterkerze deutlich. Daran erinnert auch das wohl älteste Osterlied, das wir kennen: „Christ ist erstanden“: Es ist in einer düsteren Moll-Tonart gehalten und spricht klar die Marter Christi an. Unser Erlöser ist also keine Siegesgestalt wie wir sie aus den Heldensagen kennen. Jesus Christus tritt nicht als der Supermann auf, der das Kreuz zerstört oder abwehrt. Er überwindet das Kreuz, indem er es annimmt aus Liebe zu uns und nach drei Tagen vom himmlischen Vater auferweckt wird vom Tod. Das Kreuz ist für uns Christen daher kein Zeichen einer Niederlage, eines Verlusts oder einer von Menschen ausgelösten Katastrophe, sondern das Siegeszeichen unserer Erlösung, die von Gott kommt; und die Gott nicht nur versprochen, sondern in Jesus Christus eingelöst hat. Der ewige Sohn nahm unsere vergängliche, sterbliche Natur an. Durch die Taufe sind wir mit Jesus Christus verbunden und mit ihm werden auch wir einmal auferstehen zum ewigen Leben. Wie ihm wird auch uns einmal ein verklärter, unsterblicher Leib geschenkt.

Von dieser hoffnungsvollen Zukunft ist Maria von Magdala freilich noch weit entfernt: Sie stand unter dem Kreuz Jesu; mit seinem Tod scheint der letzte Vorhang gefallen zu sein – nicht nur für ihren Herrn, sondern auch für sie selbst! Einen Menschen durch Tod zu verlieren, ist immer bitter. Aber bei Maria kommt noch dazu, dass sie sich von diesem vertrauten Freund nicht verabschieden konnte. Seinen letzten Abend verbrachte er allein mit den Aposteln. Dann gehörte er als Verurteilter nur noch dem Hohen Rat, Pilatus, brutalen Soldaten und einer aufgebrachten Volksmenge. Maria sah ihn sterben, kam aber nicht mehr an ihn heran, in seine Nähe. An Maria von Magdala musste ich denken, wenn ich im vergangenen Jahr bei Trauergesprächen Menschen traf, die sich gerne von einem sterbenden Angehörigen verabschiedet hätten, aber nicht mehr zu diesem kommen konnten; aber nicht, weil sie zu spät dran waren, sondern weil der Lockdown es verhinderte, weil die gebotene Corona-Quarantäne es nicht zuließ. Dass der Schmerz dann umso gewaltiger erscheint, ist verständlich. Und so können wir Maria verstehen und sie gedanklich begleiten, wenn sie in aller Frühe zum Grab Jesu eilt und dort in Tränen ausbricht.

Zu ihrem ursprünglichen Schmerz kommt nun noch die furchtbare Entdeckung, dass der Leichnam Jesu verschwunden ist. Nun fehlt ihr neben dieser stützenden Person auch noch die Stätte, wo sie ihre Trauer – wenigstens versuchsweise – bewältigen könnte. Doch nun gibt sich ihr der Auferstandene zu erkennen; er sucht die Begegnung mit Maria und spricht sie mit Namen an. Auch in den kommenden Stunden und Tagen wird Jesus die Begegnung mit ausgewählten Menschen suchen; vertraute Menschen, die ihn vermissen und nach ihm suchen – die ihn aber nicht finden können, weil er bereits einer anderen, der himmlischen Welt angehört. Denn durch seine Auferstehung ist sein Leib nicht ins alte, sterbliche Leben zurückgekehrt; neu zusammengesetzt aus den sterblichen Körperteilen unseres vergänglichen Lebens, so wie man die Steine einer Trümmerlandschaft wieder neu aufbauen kann. Den Auferstehungszeugen begegnet vielmehr der verklärte, verherrlichte Jesus Christus.

Diesen Leib können wir nicht angreifen oder berühren; das Geheimnis der Auferstehung lässt sich nicht mit unseren Händen festhalten, überprüfen – auch nicht durch Maria von Magdala. Aber wir können und sollen dieses Geheimnis festhalten im Glauben und in unserem Herzen. Es ist jedoch umgekehrt Jesus, der uns berühren möchte, der nach uns greift. Der Erlöser sucht die Begegnung nicht nur mit Maria von Magdala und anderen Jüngern, sondern auch mit jedem von uns. Und wie er Maria mit Namen ansprach, so ruft er auch uns an, zum ersten Mal bei der Taufe. Wir dürfen uns also mit hineingenommen wissen in das Osterlicht, in das Maria nun getaucht ist, und die mit österlicher Freude zu den Jüngern eilt und die erlösende Botschaft bringt:

„Ich habe den Herrn gesehen – er ist wahrhaft auferstanden!“ Halleluja!