Pfarrer Johannes Müller: Predigt Karfreitag (02. April 2021)


Karfreitag 2021, St. Laurentius, Contwig
(Jes 52,13-53,12. Joh 18,1-19,42)
 
Dort, wo in Berlin bis vor wenigen Jahren der „Palast der Republik“ gestanden hatte, ist mittlerweile das historische Stadtschloss rekonstruiert worden; es war 1950 von der SED gesprengt worden. Die Rekonstruktion umfasst drei historische Fassaden und auch die historische Kuppel, die 60 Meter hoch in den Himmel ragt. Auf der Kuppel befindet sich, ebenfalls nach historischer Vorlage, ein großes goldenes Kreuz. Die Krönung der Kuppel mit einem Kreuz war und ist heiß umstritten: Das Kreuz widerspricht dem offenen, modernen Anspruch des Schlosses und allen, die dort ein- und ausgehen. Für Berlin, einer multikulturellen Stadt mit vielen Religionen und mit noch mehr Atheisten ist ein Kreuz nicht angemessen, so seine Gegner. Trotz des massiven Widerstands wurde das Kreuz nun aber doch errichtet, mit der Begründung: Im Berliner Senat ist das demokratisch so beschlossen worden; eine originalgetreue Rekonstruktion verlangt das eben. Und schließlich steht das Kreuz für ein „kulturelles und historisches Erbe“. Die Befürworter sehen in ihm zudem das „Symbol für Toleranz und Nächstenliebe“. 
Als Christen dürfen wir uns gewiss freuen, dass das Zeichen unseres Glaubens nun das Berliner Stadtschloss krönt – aber wie sieht es mit der Begründung dafür aus? Ist das Kreuz wirklich nicht mehr als nur ein Symbol für Kultur und Toleranz? Wie argumentieren wir als Christen, was bedeutet es für uns, wie gehen wir mit dem Kreuz im Alltag um? Da ist das Kreuz, das als Modeschmuck an einem Hals baumelt; das sich als Feldkreuz idyllisch in eine Landschaft fügt; das zum Herrgottswinkel in einer rustikalen Bauernstube einfach dazu gehört … Das Kreuz hat seinen Schrecken, seine Grausamkeit als Folterinstrument offensichtlich verloren; wir haben uns auch als Christen an das Kreuz gewöhnt, es ist zu einem dekorativen Gebrauchsgegenstand geworden. 
Der Karfreitag lädt uns ein, das Kreuz näher zu betrachten. Bei der Kreuzverehrung wird es stufenweise enthüllt und gibt den Blick frei auf den Schmerzensmann, der daran hängt. Das Kreuz besteht nicht einfach aus zwei Holzbalken, sondern an diesem Holz hat uns Jesus Christus erlöst, gerettet. Als bibelkundige Christen wissen wir natürlich, dass nach dem Karfreitag Ostern kommt, dass unser Erlöser nicht im Grab bleibt, sondern auferweckt wird. So weit sind die Menschen, die Jesus auf dem Kreuzweg begleiten, die unter dem Kreuz aushalten, in diesem Moment aber noch nicht: Der Todestag Jesu ist und bleibt für sie eine Katastrophe. Mit Jesus fühlen sie sich selbst wie gestorben, wie für immer tot. Stellen wir uns am Sterbetag Jesu doch einmal zu diesen Menschen, fühlen und trauern wir an deren Seite:
Schauen wir zunächst auf die Gottesmutter: Sie hat ihren einzigen Sohn, ihr einziges Kind verloren; aber nicht durch eine tödliche Krankheit, die unheilbar war; nicht durch einen tragischen Unfall, weil jemand nicht aufgepasst hatte, sondern durch bewusst rohe Gewalt von Menschen, der ein qualvolles Sterben folgt. Ihr Sohn, der doch wie kein anderer die Verkörperung von Gewaltlosigkeit war, der es abgelehnt hatte, sich durch das Schwert verteidigen zu lassen! Nun hat das Schwert nicht nur ihn getroffen, sondern auch Maria. Die Mutter Gottes erinnert sich an die Prophezeiung des greisen Simeon: „Dir wird ein Schwert durch die Seele dringen!“ Unter dem Kreuz hat ihr Jesus den Lieblingsjünger anvertraut, dieser ist nun quasi ihr Adoptivsohn. Aber kann der tatsächlich ein Ersatz sein? Für die tägliche Sorge, für die Unterstützung im Alter vielleicht schon; aber Jesus, der von Gott kommt, der selbst Gott ist, kann sicher nicht durch einen Menschen ersetzt werden!
Dieser Lieblingsjünger ist seinerseits zwar dankbar, dass ihn Jesus in einem seiner letzten Worte bedachte und mit der Sorge um Maria eine wichtige Aufgabe übertragen hat. Aber Jesus, dieser väterliche Freund, diese wertvolle Stütze, ist nun nicht mehr! Der Jünger erinnert sich an das Mahl am vergangenen Abend: Er hatte an der Brust des Meisters geruht und den beruhigenden Herzschlag Jesu wahrgenommen, was ihm in diesem Augenblick wichtiger, wertvoller vorkam als alle Worte. Dieses Herz hat nun aufgehört zu schlagen!
Da ist Nikodemus, der Aufrichtige unter den Pharisäern, der bei Jesus Aufklärung über Gottes Geheimnis suchte und auch fand. Aber so vieles wäre da noch zu besprechen gewesen, bis hin zu diesem unvorstellbaren Kreuzestod. Dass es so kommen würde, hatte ihm Jesus bei einem nächtlichen Lehrgespräch anvertraut. Nun ist diese bittere Vorhersage tatsächlich eingetreten! Aber warum nur? Macht das wirklich Sinn?
Unter das Kreuz Jesu hat sich auch Maria von Magdala gewagt. Jesus hatte sie von sieben Dämonen befreit und ihr dadurch eine Lebensperspektive geschenkt. Doch nun steht sie ohne diese Lebensstütze da. Droht sie ohne diesen Wegbegleiter wieder in ihr altes, sündiges Leben zurück zu fallen; rückfällig zu werden wie ein Süchtiger, dem der Bewährungshelfer verloren ging?
Da sind schließlich die Jünger Jesu, die in der Nacht geflohen sind; geflohen nicht nur vor den Häschern des Hohen Rats, sondern auch geflohen vor sich selbst, vor ihrer Feigheit. Während die Flucht vor einer möglichen Gefangennahme gelingt, können sie der Sinnkrise des Lebens nicht entfliehen. Sie sind von einem auf den anderen Tag verzweifelt, in sich gefangen. Vielleicht tastet der eine oder andere sogar schon nach einem Strick, so wie es Judas in seiner Ausweglosigkeit wirklich getan hat. Die Jünger begreifen ihren Meister nicht. Schon oft hatte er sich aus den gefährlichen Fängen des Hohen Rates souverän befreit: Einige Worte, ein kurzer Satz von ihm hatte genügt und diese jüdischen Autoritäten waren ad absurdum geführt, konnten Jesus nicht zu Fall bringen. Warum war er gegenüber Pilatus so schweigsam? Dieser römische Prokurator, so hatten sie gehört, war doch schon nahe dran, ihn zu begnadigen! Auf seine Frage, ob er wirklich der König der Juden ist, hatte Jesus geantwortet, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei. Wäre es ein irdisches Reich, so hätten seine Anhänger für ihn gekämpft. Für Pilatus steht daher fest: Vor mir steht nur eine hilflose, eine unbewaffnete Person. Pilatus erkennt nicht die Waffe, die Jesus besitzt, die Jesus selbst verkörpert, die Waffe, die stärker ist als jedes Schwert: die Liebe.

Jesus wird sich nicht mit dem Schwert vom Kreuz befreien oder befreien lassen – er wird das Kreuz mit seiner Liebe überwinden. Dort, am Kreuz wird der Tod, wird das Böse besiegt. Mit Waffengewalt ist das nicht möglich, nur mit Liebe – auch mit Liebe zu denen, die zuvor mit Gewalt zugeschlagen haben, die in der Gewalt des Bösen stecken. Die Liebe, die Jesus am Kreuz verschenkt, gründet in der Liebe zu seinem Vater, von dem er sich selbst geliebt weiß. Zwischen Gott Vater und Gott Sohn besteht das innigste Vertrauensverhältnis, das auch im Tod nicht zerstört wird und ohne das Jesu Kreuzesopfer gar nicht möglich gewesen wäre. Darum kann Jesus, nachdem alles vollbracht ist, sich vertrauensvoll dem Vater überantworten: „Vater, in deine Hände empfehle ich meinen Geist!“