Pfarrer Johannes Müller: Evangelium und Predigt 6. Sonntag in der Osterzeit (17. Mai 2020)


 

Pfarrer Johannes Müller: Predigt 6. Sonntag in der Osterzeit (17. Mai 2020)

 
Lesungstexte: Apg 8,5-8.14-17
1 Petr 3,15-18
Joh 14,15-21
 
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
vor wenigen Tagen jährte sich das Ende des zweiten Weltkrieges zum 75. Mal. Wegen der Corona-Pandemie geriet dieser Gedenktag allerdings ein wenig ins Abseits: Weder im In- noch im Ausland gab es Veranstaltungen mit vielen Menschen und auch keine glänzenden Militärparaden der Siegermächte; der 8. Mai wurde kaum wahrgenommen. Aber hat an diesem Tag vor 75 Jahren der brutalste Krieg der Geschichte überhaupt aufgehört? Da kann man denken an die materiellen Schäden, an eine Trümmerlandschaft, die die Städte noch lange über diesen Tag hinaus prägen wird. Da sind die Flüchtlingstrecks und die Zwangsumsiedlungen, die mit diesem Tag nicht zu Ende sind und die noch viel Leid bringen werden. Da ist aber auch an die bohrende Frage: Kommt er wieder heim – der treusorgende Vater, der geliebte Ehemann, der einzige Sohn? Kommt er doch noch einmal heim vom Krieg oder aus der Gefangenschaft? Eine bange Frage, die manche Familien noch jahrelang umtrieb; so lange durfte man ja wenigstens hoffen – bis vom Roten Kreuz eine gegenteilige Antwort eintraf. Noch gut hatte man das Bild und die Worte im Gedächtnis, als sich der Soldat nach dem letzten Heimaturlaub wieder an die Ostfront verabschieden musste: „Ich komme wieder zu euch, ihr werdet mich wiedersehen, habt keine Angst!“ Tröstende Worte – aber unausgesprochen stand doch im Raum: Vermutlich ist es ein Abschied für immer – wahrscheinlich werde ich im Krieg fallen, werde zu „Kanonenfutter“ wie schon so viele, die ich kannte!
Auch Jesus spricht seinen Jüngern im heutigen Evangelium Mut und Trost zu. Und auch er spricht sein bitteres Schicksal nicht offen aus, obwohl er weiß: Dies war der letzte Abend, das letzte Mahl mit den Freunden. Noch in dieser Nacht werde ich verhaftet und verhört werden, nur noch wenige Stunden bis zu meinem Kreuzestod! Wenn der Herr verspricht, die Gefährten nicht als Waisen zurück zu lassen, sondern wieder zu ihnen zu kommen, dann ist das dennoch keine billige Vertröstung, dann will er ihnen nichts Falsches vormachen. Denn der Sohn Gottes hat mehr zu bieten als Bilder oder Erinnerungen an ihn – Bilder, die irgendwann kaputt gehen oder vergilben; Erinnerungen, die spätestens dann verblasst, beendet sind, wenn auch sein letzter Gefährte einmal nicht mehr ist. Nein, Jesus hat den Jüngern mehr zu bieten als so etwas Vergängliches: Er wird den Beistand senden, der für immer bei ihnen sein wird. Jesus spricht hier in geheimnisvoller Weise vom Geist Gottes, von seinem Geist, vom Heiligen Geist. Der Geist Gottes wird die Jünger, wird uns Christen, mit ihm und untereinander verbinden. Der Heilige Geist bildet eine bleibende Gemeinschaft, er stiftet Beziehung und Zusammengehörigkeit – oder wie man heute gerne sagt: ein Netzwerk.
Jesus bezeichnet diesen Beistand in seiner Abschiedsrede als den „Geist der Wahrheit“ und in einem Pfingstlied besingen wir ihn als „Finger Gottes, der uns führt“. Durch seinen Geist lässt uns Gott erkennen, welchen Weg wir wählen sollen, was in unserem Leben wirklich zählt, wie wir wahrhaftig leben sollen. Diesen „Finger Gottes“ nehmen wir oft erst im Nachhinein wahr, etwa nach dem Überstehen einer gefährlichen Situation oder durch die richtige Wahl in einer kniffligen Entscheidung. Dann kann man spüren: Hier wirkte Gott selbst, das war kein Zufall, sondern göttliche Fügung. Es sind Momente, in denen sich das Versprechen Jesu bewahrheitet, die Seinen nicht als hilflose Waisen zurück zu lassen, sondern bei ihnen zu sein in seinem Geist. Es sind Momente, in denen aufmerksame Menschen seine Liebe erfahren und in denen umgekehrt auch die Liebe zu Gott wachsen kann. Diese Liebe meint freilich keine vordergründige Emotion, kein bloßes Gefühl: Die Liebe, die uns Jesus am Kreuz in unüberbietbarer Weise schenkt, darf auch unsererseits nicht folgenlos, tatenlos bleiben: Zur Gottesliebe gehört die tätige Liebe zum Nächsten. Gottes- und Nächstenliebe sind nicht trennbar, sondern bedingen sich gegenseitig wie die beiden Seiten einer Münze. Wenn ich Gott wirklich liebe, dann erscheint mir die Liebe zum Nächsten nicht als Pflicht oder äußeres Gebot, dem ich nachkommen muss, sondern dann ist das liebend-gemeinschaftliche Verhältnis zu den Menschen meines Alltags für mich ein inneres Anliegen. Der Finger Gottes, der Geist der Wahrheit, zeigt auf Jesus Christus: Der ewige Sohn wurde um unseretwillen Mensch und gab sich für uns in den Tod, damit auch wir aneinander menschlich handeln und füreinander einstehen.
Jesus selbst spricht an diesem Abend nicht nur über seine Liebe zu uns, er beweist sie, indem er ganz konkret handelt: Er hat sich gebückt und den Jüngern die Füße gewaschen, selbst Judas, seinem Verräter. Die Fußwaschung ist ein Zeichen seiner bedingungslosen Hingabe, die Jesus mit dem Auftrag verbindet: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit auch ihr so handelt, wie ich an euch gehandelt habe.“ An diesen Satz werden sich die Jünger noch oft erinnern; er ist wie Testament, wie das Abschiedswort eines Soldaten, der wieder zur Front muss. Auch wenn die Jünger diesen Satz in diesem Moment noch nicht verstehen – später werden sie ihn als richtungsweisenden Fingerzeig Gottes, als seine helfende und schützende Hand erkennen. Diesen Finger, diese Hand streckt Gott auch uns entgegen, nicht nur am Tag unserer Taufe, sondern immer wieder. Es liegt an uns, die Hand unseres Schöpfers zu ergreifen und ihm zu vertrauen, der uns im Heiligen Geist zur Gemeinschaft der Kirche berufen, der uns alle mit ihm und untereinander vernetzen möchte.
Amen
(Pfarrer Johannes Müller)