Pfarrer Johannes Müller: Evangelium und Predigt 4. Sonntag in der Osterzeit (03. Mai 2020)


 

Pfarrer Johannes Müller:

Evangelium und Predigt zum 4. Sonntag in der Osterzeit

(03. Mai 2020)

 

Evangelium: Joh 10,1-10

 

In jener Zeit sprach Jesus:
 

1 Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
 

2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.


3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.


4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.


5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.


6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.


7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.


8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.


9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.


10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Lesungstexte: Apg 2,14a.36-41

1 Petr 2,20b-25
Joh 10,1-10
 
Liebe Schwestern und Brüder im Herrn,
der 4. Sonntag der Osterzeit ist der Sonntag des „Guten Hirten“, an dem wir auch den Weltgebetstag für geistliche Berufe begehen. Hirte ist ein Beruf, der in unserer Zeit selten, geradezu exotisch ist. Wir kennen den Hirten nur von alten Bildern oder Heimatfilmen. Hirte ist heute ein so seltener Beruf, dass ihm selbst die Corona-Pandemie mit all ihren gesellschaftlichen Einschnitten, Veränderungen und Verboten im Tagesablauf nichts anhaben kann. Der Hirte lebt schließlich abseits der Ballungsräume, ganz in Einsamkeit mit den Tieren. Er braucht also nicht darauf zu achten, dass ein bestimmter Sicherheitsabstand gewahrt ist oder er seinen Mund-Nasenschutz trägt. Home-Office kommt sowieso nicht in Frage, Kurzarbeit oder Entschleunigung seines Lebens betreffen ihn auch nicht, denn Hektik, Stress oder Überstunden gibt es für ihn nicht. Das Hirtenleben ist ruhig und still; der Hirte hat Zeit – Zeit für die Herde und für sich selbst. Ein Beruf für Müßiggänger ist das Hirtenamt dagegen trotzdem nicht: Der Hirte trägt Verantwortung für jedes einzelne Tier der Herde. Obwohl ihm die Tiere nicht gehören, muss er sie gut kennen, eine Beziehung zu ihnen aufbauen und pflegen. Dass dem Hirtenamt im Judentum dementsprechend Respekt und Anerkennung geschenkt wurde, sieht man daran, dass im Alten Testament die Könige oft mit Hirten verglichen werden und „der Hirte“ schlechthin Gott selbst ist. Ganz deutlich wird das im Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte“.
Wenn Jesus also vom Beruf des Hirten und von dessen Verhältnis zur Herde spricht, war das für die Juden damals nichts Unverständliches, Außergewöhnliches. Außergewöhnlich, ja befremdlich oder sogar anstößig dürfte für seine Zuhörer aber sein, dass Jesus das wahre Hirtenamt für sich alleine beansprucht, dass er allein die wahre Tür zum Schafstall ist. Jesus grenzt sich ab von allen anderen Türen und Hirten, diese sind für ihn Diebe und Räuber. Was wie eine maßlose Selbstüberschätzung eines amerikanischen Präsidenten klingt, ist in Wirklichkeit die Botschaft: Ich komme vom Vater, ich komme von Gott. Der Vater und ich sind eins, der einzige Gott und somit der einzige wirkliche Hirte. Psalm 23 weist auf den Vater und mich hin, auf unsere Tür, auf die Tür zum Leben, so Jesus.
Die Tür und deren Benutzung durch die Schafe, aber auch durch uns, ist zentral für Jesu Rede. Eine Tür bietet Schutz: Die Schafe sind hinter der Tür vor wilden Tieren geschützt und wir sind in Zeiten von Corona hinter einer Tür sicher vor Ansteckung. Verlässt man die Tür und geht nach draußen, ist man frei. Man gelangt zu Weideland und Quellwasser, verzichtet aber gleichzeitig auf Sicherheit. Man kann am öffentlichen Leben teilnehmen, Einkäufe machen, Freunde treffen – muss aber mit dem Corona-Virus rechnen. Inwieweit Türen zu öffnen oder zu schließen sind, ist somit eine Abwägungsfrage; eine Frage, die derzeit kontrovers diskutiert wird: von der Bundeskanzlerin bis zu Vereinsvorständen oder
Restaurantbesitzer. Freiheit vor der Tür ist verlockend, aber immer auch ein Wagnis, ein Risiko. Auch mit der Freiheit, die Gott uns Menschen schenkt, kann leichtfertig oder besonnen und verantwortungsvoll umgegangen werden. Und wir haben in unserer Freiheit ja die Möglichkeit, viele verschiedene Türen zu benutzen. Jesus warnt davor, Türen zu öffnen, die ins Verderben führen. Er zeigt vielmehr auf sich: „Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden!“ Jesus hat dabei nicht etwas anzubieten, sondern sich selbst. Er ist es, der zum Ziel führt; er allein ist es, der uns das Leben in Fülle schenkt.
Doch was ist das „Leben in Fülle“? Was verbirgt sich hinter der Tür, die Jesus Christus heißt? Dort finden wir sicher weder das Luxus-Leben von Superreichen, noch unterhaltsame, abwechslungsreiche Momente einer Traumreise; auch nicht die Garantie für ein langes, gesundes Leben. Was die Fülle des Lebens bedeutet, erfahren wir ein wenig aus Psalm 23: Da ist von grünen Auen und von einem Ruheplatz am Wasser die Rede. Das ist das Leben in der Gemeinschaft mit Gott selbst. Gott ist es auch, der mich selbst in der finsteren Schlucht nicht verlässt, der mir beisteht, wenn ich bedroht bin; der mich mit Öl salbt und dadurch Anteil an sich schenkt. Gott ist es, bei dem ich auf ewig wohnen darf, bei dem ich für immer geborgen bin. Jesus Christus verspricht uns mit „Leben in Fülle“ das Reich Gottes, das mit ihm schon begonnen hat, das sich aber erst in der Ewigkeit vollenden wird. Wer die „Jesus-Tür“ öffnet, gelangt also nicht sofort ins Paradies, aber er weiß, dass hinter dieser Tür der richtige Weg beginnt, der zur Erfüllung führt. Und er darf sich sicher sein: Diesen Weg gehe ich nicht allein, sondern der Gute Hirte geht mir voran. Die Schafe dieses Hirten kennen seine Stimme, deshalb können sie ihm folgen und verwechseln seine Stimme nicht mit der eines falschen Hirten.
Damit die Schafe des Guten Hirten diese Stimme immer besser kennen und lieben lernen, werden sie von ihm mit geistlicher Nahrung versorgt. Schafe gehören zu den wiederkäuenden Tieren, also zu Tieren, die ihre Nahrung stufenweise verdauen. Zwischendurch gelangt die Speise dabei wieder in den Mund, nochmals zwischen die Zähne. Das ist so ziemlich das Gegenteil unserer fast-food-Ernährung oder von Schnellimbissen. Vielleicht sollten wir lernen, uns nicht nur für das Essen, sondern auch für die Frohe Botschaft, für die Begegnung mit Gott, mehr Zeit zu nehmen; das Wort Gottes also nicht wie ein Schnellgericht hinunterzuschlingen, um es dann gleich wieder zu vergessen, um uns schon wieder mit etwas anderem zu beschäftigen, um schon wieder eine andere Tür aufzureißen. Lernen wir von den Schafen, die ihre Nahrung mehrfach kauen; konsumieren auch wir das Wort Gottes intensiv, mehrfach; lassen wir es auf unserer Zunge bzw. in unserem Herzen und in unserer Seele zergehen. Und vergessen wir dabei nicht: Es handelt sich um das Wort, das Fleisch geworden ist – für uns! Das Wort, Jesus Christus selbst, ist das Brot des Lebens. Er will uns Nahrung, Stärkung sein auf dem Weg mit ihm, dem Guten Hirten. Jesus Christus lädt uns ein, die Tür zum Leben, die Tür zu ihm zu öffnen. Treten wir zu ihm ein, er wartet auf uns!
Amen
(Pfarrer Johannes Müller)